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Published on spiegel.de | 23/02/2021 I Direct link


By Dinah Deckstein


Katharina Perlbach hatte einen absoluten Traumjob. Sie war für ihren Reiseblog »So nah und so fern« knapp das halbe Jahr lang in der Welt unterwegs. Die restliche Zeit unterrichtete sie Deutsch als Fremdsprache. Für dieses Lebenskonzept war ihre 27-Quadratmeter-Wohnung exakt das Richtige – bis die Coronakrise ausbrach und das Homeoffice zum Dauerzustand wurde. »Konzentriertes Arbeiten fällt mir daheim schwer«, sagt sie, »immer ist was aufzuräumen.«

Sie suchte nach einer Fluchtmöglichkeit – und fand sie 300 Meter entfernt im Lindner Hotel City Plaza. Dorthin verlegte sie für knapp eine Woche ihren Arbeitsplatz. Tageszimmer sind in der Vier-Sterne-Herberge schon für rund 50 Euro pro Tag buchbar, inklusive WLAN, Kaffeemaschine, Wasser und kleinen Snacks. »Es war großartig, ich konnte ungestört meine Online-Deutschkurse abhalten und an meinem Blog arbeiten.« Diese Woche legte sie wieder drei Arbeitstage im Hotel ein, dann aber in Frankfurt und mit Übernachtung. »Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich am liebsten ganz im Hotel wohnen.«

Jahrzehntelang galten sogenannte Tageszimmer im Beherbergungsgewerbe als eher anrüchig. Vor allem Pärchen nutzten das Angebot für erotische Mittagspausen. Manchmal buchten Geschäftsleute die Räume zur Vorbereitung auf einen wichtigen Termin oder zum Relaxen zwischen zwei Flügen. Es war ein absolutes Nebengeschäft.

Das ändert sich gerade. In der Coronakrise entdecken Arbeitnehmer das Hotelzimmer als Ausweg, um Stress und Enge der eigenen Wohnung zu entgehen. Oder weil das WLAN dort stabiler ist als daheim. In den meisten Bundesländern bis auf Baden-Württemberg ist das möglich, weil ein Homeoffice im Hotel als geschäftlich veranlasst gilt und somit erlaubt ist. Fast alle großen Hotelketten, darunter Accor, Marriott, Lindner, 25 Hours und Best Western, haben sich auf die wachsende Nachfrage eingestellt. Oft sind die Hotelbüros schon für weniger als 40 Euro zu haben – und häufig übernimmt der Arbeitgeber die Kosten. In einigen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen dürfen die Gäste sogar das Restaurant besuchen. Allerdings nur bis 20 Uhr. Dann ist Feierabend.

Spezielle Plattformen wie Dayuse, Seatti, HRS MeWork oder Homeoffice im Hotel führen Hunderte von Angeboten auf ihrer Website. Manche der Dienstleister verlangen von den Eigentümern oder Pächtern eine Provision. Andere, wie Homeoffice im Hotel, berechnen nur eine Gebühr von 25 Euro für die Aufnahme eines Betriebs auf ihrer Internetseite.


Die heftigen Umsatzeinbrüche der Branche ließen sich damit jedoch »nicht im Ansatz kompensieren«, sagt Ingrid Hartges, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Darum geht es den meisten Unternehmen auch nicht. Sie wollen vor allem gewappnet sein, wenn sich das Nutzungsverhalten dauerhaft ändert. »Ich glaube, dass der Trend auch nach dem Ende der Pandemie anhält und nie wieder 20 Menschen eng gedrängt in einem Großraumbüro sitzen werden«, sagt Homeoffice-im-Hotel-Gründerin Stefanie Poplutz. »Für Firmen kann es deshalb langfristig billiger sein, mehrere Zimmer im Hotel anzumieten.«


Der Chef der französischen Kette Accor sieht das ähnlich. Anfang des Jahres kündigte er im SPIEGEL an, künftig »halbe oder ganze Etagen« in seinen Häusern auszuräumen und in Büroflächen umzuwandeln. Bei der Apartment-Hotel-Tochter Adagio ist die Planung schon in vollem Gang. In Deutschland gibt es sechs Häuser mit besonders großen Zimmern und Nasszellen, darunter in Frankfurt, Köln, Bremen und Berlin. »Viele Familien, speziell mit Kindern, haben zu Hause nicht die Ausstattung für langfristige Heimarbeit«, sagt Adagio-Chef Karim Malak, »aber die wird zunehmen.« Der Manager erwartet deshalb einen »starken Anstieg der Nachfrage bei Tageszimmern für berufliche Zwecke und deutlich weniger Übernachtungen von Geschäftsreisenden«.


Das Westin Grand Hotel im Münchner Stadtteil Bogenhausen hat die VIP-Lounge, gelegen im 23. Stock und mit einer grandiosen Aussicht über die Stadt, für die neue Klientel geöffnet. Früher war der Bereich für Statuskunden und Gäste der teuerstenZimmerkategorie reserviert. Nun sind zwischen acht Uhr in der Früh bis halb fünf nachmittags auch Normalos willkommen. Die Eintrittskarte kostet 25 Euro. Softdrinks oder Kaffee gibt's an der Bar gratis, natürlich unter Einhaltung der vorgeschriebenen Abstands- und Hygieneregeln.


Noch ist diese edle Homeoffice-Alternative ein Geheimtipp. An manchen Tagen verlieren sich nur ein paar Zeitarbeiter in dem Refugium. »Manche wollen einfach mal für ein paar Stunden von zu Hause weg«, sagte Vertriebs- und Marketingchefin Sandra Rode. Und schraubt ihre eigenen Erwartungen an die neue Klientel herunter: »Es geht uns nicht darum, mit diesem Angebot das große Geld zu verdienen. Wichtig ist, dass wieder Leben hereinkommt und die Angestellten die Chance bekommen zu arbeiten.«